Drei Dinge, die wir beim Stakeholder-Management leicht übersehen
11. September 2015

Was Compilerbau und Coaching verbindet
Oder: Warum bei roten Blumen nicht jeder rot sieht

Ein Compiler ist ein Übersetzungs-Programm, das eine für Menschen verständliche Programmiersprache (z.B. Java) in Befehle umwandelt, die die Maschine ausführen kann.

Wer sich mit Compilerbau beschäftigt, kommt an einem Namen nicht vorbei, der auch im Coaching-Bereich nicht ganz unbekannt ist: Noam Chomsky, ein renommierter Linguist am MIT, hat in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wichtige Grundlagen für die sogenannte Syntax-Prüfung gelegt. Dieser erste Schritt im Compilerlauf weist nach, dass der Programmcode ein „grammatikalisch richtiges“ Programm darstellt. Eigentlich trieb Chomsky die Frage um, wie ein Mensch denn Sprachen erwerbe, wenn doch deren Grammatik, Vokabeln, Ausnahmen viel zu komplex seien, um sie sich durch bloßes Lernen anzueignen. Er glaubte, es müsse ein genetisch angelegtes Verständnis von Grammatik geben („Tiefenstruktur“). Damit könne der Mensch – wenn er einmal eine Sprache gelernt hat – selbst dann einen Satz fehlerfrei hervorbringen oder verstehen, wenn er den Satz noch nie zuvor in seinem Leben von jemandem gehört bzw. „gelernt“ hat.
Der Linguist Chomsky war zusammen mit Pionieren der künstlichen Intelligenz gleichzeitig Teil einer Bewegung, die in den fünfziger und sechziger Jahren (parallel zur Entstehung der ersten Compiler) die Kognitionswissenschaften begründete. Diese neue Disziplin der Psychologie lieferte und liefert wichtige Erkenntnisse und Instrumente für Coaches überall auf der Welt.

Wie formen wir unsere Gedanken in Sprache um? Wie können wir aus dem Lautsalat einen Sinn erkennen - und welchen? Die Begründer der Kognitionswissenschaft stellten sich das Gehirn wie einen Computer vor: Es gibt Eingangsparameter (Sinnesreize), die durch den „Computer“ (unsere Gehirn) und seine Software (unsere Geist) verarbeitet werden und zu einer „Ausgabe“ führen, z.B. in Form von Sprache oder von Handlungen.

Kommunikation ohne Missverständnisse?

Compilerbauer erstellen Programme, die in jedem Durchlauf bei gleichen Eingaben dieselbe Ausgabe erzeugen, ohne Missverständnisse, ohne Abweichungen. In seiner linguistischen Forschung ging Chomsky davon aus, es müsse auch zwischen Menschen eine solche „eindeutige" Form der Verständigung möglich sein. Wenn eine Sprachäußerung einer genau festgelegten Struktur (Grammatik) folge, würde sie vom Empfänger immer gleich verstanden werden - unabhängig von dessen Umgebung, Befinden oder Kultur. Und sie könnte genau so verstanden werden, wie der Sprecher sie gemeint hat („idealisierter Sprecher/Hörer“).

Wer einmal eine Fachdiskussion mit Mathematikern oder Technikern geführt hat, weiß, dass man dieser idealisierten Verständigung recht nahe kommen kann (wenn diese Eindeutigkeit beim Hören und Verstehen auch in unserem Alltag gäbe, dann hätten Coaches sehr viel weniger zu tun). Aber Chomsky bezog sich in seiner Arbeit alleine auf die Struktur, die Grammatik der Sprache. Seine Transformationsgrammatik liefert Erklärungen dafür, welche Umformungsregeln wir bewusst oder unbewusst beim Bau von Sätzen anwenden, um z.B. einen Satz aus dem Aktiv ins Passiv umzuwandeln. Was aber der Satz „Die Blumen sind rot" alles bedeuten kann, lässt sich nicht mit Genauigkeit sagen.

Welchen Teil der Realität nehmen wir wahr?
Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass niemand je ein Stück der „echten“ Realität zu fassen bekommt, da alle Wirklichkeiten individuell von uns aus einer verzerrten Wahrnehmung im Zusammenspiel mit unseren Erinnerungen und Gedächtnisinhalten „konstruiert“ sind.
Die Blumen sind rot - wirklich?

  • Sind die Blumen rot, oder nennen wir nur den Lichtanteil rot, den sie zurückstrahlen? (Rot ist nichts anderes als die Konvention, eine bestimmte Wellenlänge so zu bezeichnen)
  • Nimmst du diese Wellenlänge genauso als rot wahr wie ich? (Was ist bei Farbenblinden?)
  • Würdest du alle diese Blumen gleichermaßen als rot bezeichnen?
  • Und überhaupt: Das sind keine Blumen, das ist Unkraut!

Die Kognitionswissenschaften haben sich mittlerweile von dem Modell des Computers für unser Gehirn verabschiedet. Mit einem tieferen Einblick in die neuronalen Netze mit ihren zig-Millionen verbundenen Nervenzellen spricht man heute eher von einem „organisierten Chaos“ im Kopf und stellt sich der Tatsache, dass eine Menge Dinge die wir tun höchst irrational sind. In ihrer Forschung fragen die Kognitionswissenschaftler mittlerweile, wie wir aus den Sinnesreizen schließlich Wahrnehmungen und Erkenntnisse ableiten.

Dabei zeigen sie uns auf verblüffende Art und Weise, wie weit wir von Chomskys idealisiertem Sprecher/Hörer Modell entfernt sind. Sie liefern beunruhigend viele Beispiele dafür, dass unsere Wahrnehmung und unser Urteilsvermögen verzerrt sind – oder sollte man sagen, dass die Sinnesreize auf ihrem Weg zur Wahrnehmung manche Umformung erfahren, die einem Compilerbauer die Haare zu Berge stehen ließen?

Die Illusion durchschauen

Denn dabei geht es nicht nur darum, dass wieder einmal jemand den „Mann im Mond" gesehen hat (Pareidolie, s. Kasten unten). Oder dass wir glauben, durch Fingerschnipsen eine Ampel auf grün schalten zu können (Kontrollillusion). Hier geht es um Entscheidungen in Sach- und Personalfragen, die weitreichende Auswirkungen haben - und doch auf Erkenntnissen fußen, in die unsere Wahrnehmungen eingeflossen sind.

Beispiele kognitiver Verzerrung

  • Gedankenlesen: Wir glauben zu wissen, was andere denken, ohne dass wir sie je gefragt haben.
  • Kontrollillusion: Wir glauben, an sich zufällige Ereignisse durch unser Verhalten beeinflussen zu können.
  • Bestätigungsfehler: Wir wählen aus allen Informationen diejenigen aus, die unseren Erwartungen entsprechen. („Sag ich doch")
  • Halo-Effekt: Wir schließen von einer bekannten Eigenschaft einer Person auf deren unbekannte Eigenschaften. (Ich kenne einen Stuttgarter Buchhalter, der sehr genau arbeitet --> der neue Bewerber, der ein Stuttgarter Buchhalter ist, arbeitet sicherlich auch sehr genau.)
  • Pareidolie: Wir glauben, in Dingen oder Mustern Gesichter oder etwas anderes Vertrautes zu entdecken. (Mann im Mond)
  • Übergeneralisierung: Wir leiten aus einem einzigen Beispiel eine allgemeingültige Regel ab.

Übertragen auf den Bereich unserer persönlichen Weiterentwicklung kann uns die verzerrte Wahrnehmung in eine scheinbare Sackgasse führen. Dann erleben wir uns festgefahren und regelrecht blockiert, es scheint keinen gangbaren Weg zu geben. Wie wir jetzt wissen, könnte uns hier ein „Übersetzungsfehler“ unseres „Compilers“ in die Quere gekommen sein. Es könnte der Anschein einer Sackgasse vorliegen, weil unsere Wahrnehmung verzerrt ist und wir – unbewusst – Dinge ausgeblendet haben, die uns vielleicht helfen könnten.

Abhilfe schafft, sich Zeit zu nehmen und sich – zum Beispiel im Rahmen eines Coachinggespräches – darauf einzulassen, unsere Sicht bzw. unsere jetzige Sicht auf die Dinge einmal links liegen zu lassen. Wir könnten versuchen, neue Sichten oder gar andere „Realitäten“ in Betracht zu ziehen. In unserer Gedankenwelt könnten wir alternative Szenarien erschaffen und Zukunftsvisionen bereisen, in denen wir in einer besseren Art mit unserer Aufgabenstellung umgehen, in denen sich Türen öffnen, wir uns auf den Weg machen und Dinge ändern können.

Zurück in der Realität lassen sich oft ganz praktische Schritte finden, um aus der Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Anders als ein Computer haben wir Menschen keinen fest-installierten Compiler. Wir müssen uns eben nicht auf eine Version von „Realität“ festnageln lassen. Im Gegenteil: Wir können uns entscheiden, unsere Umwelt auf verschiedene Arten zu „übersetzen“ und zu deuten. Wir können quasi selbst unsere Compiler tunen und sogar neue erstellen. Daraus können wir Flexibilität und Handlungsspielräume gewinnen und aus Sackgassen herausfinden. Denn unser gesamtes Denken ist so viel mehr als nur ein statisches Computerprogramm.

tl;dr
Der Compilerbau stützt sich genauso auf Forschungsarbeiten des Linguisten Noam Chomsky wie die für das Coaching relevante Kognitionswissenschaft. Allerdings ist die Übersetzungsleistung eines Compilers wesentlich vorhersagbarer als das, was wir aus unseren Sinnesreizen in oft verzerrte Wahrnehmung übersetzen. Ein Coach kann helfen, den „Compiler in unserem Kopf" zu erweitern. Damit lässt sich bei wichtigen Entscheidungen die eigene Wahrnehmung bewusst hinterfragen, um auch alternative Sichtweisen einnehmen zu können.

Was tun Sie, um sich von Ihrer Wahrnehmung nicht ins Bockshorn jagen zu lassen?


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Karin Erni