Warum "Finde Deine Leidenschaft"
nicht der beste Ratschlag ist

Kürzlich hatte ich die Ehre und das Vergnügen, vor Abiturienten des 2018er Jahrgangs eine Rede zu halten. Aber was kann man Millennials überhaupt noch mitgeben, jungen Menschen, die gerade den höchsten deutschen Schulabschluss in der Hand halten und nun ihren Weg in einen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt antreten, der qualifiziertem Nachwuchs die Türen schon weit geöffnet hat?

Finde Deine Leidenschaft! - Das Patentrezept für Glück und Erfolg

"Ihr habt so viele Möglichkeiten! Unglaublich!! Ihr könnt alles Mögliche werden, Ihr könnt – nein: Ihr müsst Euch verwirklichen, Eure Leidenschaft finden - kaum eine Generation vor Euch hatte so viele Optionen! Findet sie und es winken Glück, Zufriedenheit und Erfolg."
Das möchte man den jungen Menschen zurufen. Und dann:
"Euer nächster Schritt ist von entscheidender Tragweite! Welches Studien- oder Ausbildungsfach? Welche Schule oder Hochschule an welchem Ort? Welcher Arbeitgeber? Überlegt genau!"

Wen würde es verwundern, auf einmal bei dem ein oder anderen ein unruhiges Flackern in den Augen zu sehen? "Was, wenn ich mich für das eine entscheide und dann herausfinde, dass das nicht meine Leidenschaft war, dass ich die Weichen falsch gestellt habe?"

Steve Jobs' Rat

Selbst Steve Jobs erzählte einmal in einer Rede, die er 2005 vor Absolventen in Stanford hielt, dass er nach sechs Monaten an der Uni nicht wusste, welchen Wert das alles haben sollte. Er habe keine Ahnung gehabt, was er mit seinem Leben anfangen wollte und keine Ahnung, wie das Studium ihm dabei helfen solle, es herauszufinden. Und dann gab er den jungen Leuten folgendes mit:
Sie müssen das finden, was Sie lieben. ... Sie werden einen großen Teil Ihres Lebens im Beruf verbringen. Der einzige Weg zu wahrer Zufriedenheit ist es, etwas in Ihren Augen Großartiges zu leisten. Und die einzige Art das zu bewerkstelligen ist, das zu lieben was Sie tun. Wenn Sie es noch nicht gefunden haben, suchen Sie weiter. Geben Sie sich nicht leicht zufrieden. Wie bei allen Herzensangelegenheiten werden Sie spüren, wenn Sie es gefunden haben. Und wie bei jeder großartigen Beziehung wird es Jahr für Jahr immer besser. Suchen Sie also immer weiter, bis Sie sie finden. Geben Sie sich nicht zu leicht zufrieden ("Don't settle").

Steve Jobs

"Finden" funktioniert nicht

In den Worten des Apple-Gründers liegt viel Wahrheit, doch auch ein fundamentaler Denkfehler. Er verbirgt sich hinter dem Wort „Finden“. Ihre Leidenschaft, Ihre Passion, werden Sie wahrscheinlich nicht finden wie etwas, das auf der Straße liegt oder im hohen Gras, ein magisches Etwas, das alles zum Guten wendet. "Suchen Sie weiter" und "Geben Sie sich nicht zufrieden" ruft Jobs den Absolventen zu. Doch was kann passieren, wenn wir uns darauf einschießen, dass wir nur das eine, einzig wahre, perfekte Thema finden müssen, dass wir uns nicht zufrieden geben, bevor wir es gefunden haben?
Wir riskieren, dass wir die Erfahrungen und Erkenntnisse, die Bereicherungen und Erlebnisse, die uns auf unserer Suche begegnen, nicht beachten - weil wir so fokussiert auf das Ziel sind. Und schlimmer noch: Wir riskieren Enttäuschung und Frustration wenn wir glauben "es" jetzt endlich gefunden zu haben - um dann zu entdecken, dass es das dann doch nicht war.

"Entwickeln" statt "Finden" - Growth Mindset

Forscher aus Standford und Yale haben herausgefunden, dass diejenigen zufriedener und dynamischer sind, die offen und neugierig bleiben. Diese Menschen haben verstanden, dass sich Interessen und Leidenschaften aus einem kleinen Funken heraus entwickeln, dass das Leben, Arbeiten und Lernen eine Reise ist. Im Englischen heißt das „Growth Mind-set“ – auf Deutsch etwas sperriger „Wachstumsorientierte Geisteshaltung“. Statt „Finde etwas, das Du liebst“ sollte es besser heißen „Entwickle deine Leidenschaften.“
Anstatt auf das einzig wahre Thema im Leben zu warten ("Fixed Mindset"), ist es besser, in verschiedene Themen hinein zu schauen, auszuprobieren, daraus zu lernen, Dinge anzunehmen oder liegen zu lassen, kurz: Sich weiter zu entwickeln!
Das heißt nicht, die Verbindlichkeit über Bord zu werfen und sofort weiterzuziehen, wenn man mal keine Lust hat. Es heißt, ab und zu das Bauchgefühl zu befragen und den Mut zu haben, Dinge hinter sich zu lassen, die einem nicht gut tun. Auch ein Misserfolg kann so zu einer Bereicherung werden – auch wenn man es vielleicht nicht erkennt, solange man gerade mitten drin ist.

Als Steve Jobs bei Apple gefeuert wurde, war er 30 Jahre. Er musste sein Lebenswerk hinter sich lassen und hätte leicht den Drive verlieren können. Hat er aber nicht. Er gründete Pixar und sagte später, dass die Zeit nach der Kündigung die kreativste seiner ganzen Karriere war. Offen bleiben, Chancen sehen, Dinge ausprobieren.

Leidenschaften entwickeln

Die Leidenschaft entwickeln – wie soll das gehen, ganz konkret? In dem Kasten rechts gibt es dazu eine kleine Übung. Es geht darum, sich zu beobachten, abends oder am Wochenende für 5 oder 10 Minuten. Einfach hinsetzen, zur Ruhe kommen.

Am besten geht das, wenn man Notizen macht, ein Tagebuch führt. Nach einer Weile werden Muster erkennbar: Dinge, die Ihnen immer wieder leicht fallen: Talente, Vorlieben, etwas, was Ihnen sinnvoll erscheint, Begabungen, mit denen Sie selbst weiterkommen und auch anderen helfen können. Auf einmal merkt man: Ich war schon immer einfühlsam und empathisch – mit emotionaler Intelligenz kann ich jetzt mein Team bereichern.

Kleiner Entwicklungshelfer

  • Am Abend oder am Wochenende: Suchen Sie sich ein ruhiges Fleckchen für 5-10 Minuten.
  • Fragen Sie Ihr Bauchgefühl:
    Was ist mir heute / in dieser Woche besonders gut gelungen? Wie habe ich das hinbekommen? Wie hat sich das angefühlt? Was hat mich zufrieden gemacht und mir den Flow gegeben?
  • Machen Sie sich Notizen, führen Sie Tagebuch.
  • Entdecken Sie Muster, verbinden Sie die Punkte
  • Wie hilft Ihnen das bei Ihrem nächsten Schritt?
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Oder: Ich bin immer ungeduldig – aber manchmal ist das gut, um Dinge in Gang zu bringen. Ob Sie gerne reden, gerne auf Menschen zugehen, oder lieber nachdenken und Fakten oder nützliches Wissen sammelen, ob Sie gerne Probleme beheben oder Verantwortung übernehmen – tun Sie mehr davon, entwickeln und stärken Sie diese Gaben. Dann können Sie erleben, wie dabei Neues entsteht, vielleicht sogar eine Leidenschaft daraus wird.

Wo Steve Jobs doch recht hatte

Diese Entwicklungshilfe gab ich den Abiturienten mit und erkannte, dass Steve Jobs im Kern seiner Rede doch genau das machte, was die Forscher als ideal bezeichnen: Er blieb neugierig und hungrig, entwickelte seine Talente und seine Leidenschaft Schritt für Schritt und wurde dadurch erfolgreich.
Was ihn antrieb? "Ich schaute jeden Morgen in den Spiegel und fragte mich: 'Wenn heute der letzte Tag in meinem Leben wäre: Würde ich das gerne tun wollen, was ich heute vorhabe?' Und wann immer die Antwort mehrere Tage hintereinander 'Nein' war, wusste ich, dass ich etwas ändern musste."
tl;dr
"Finde Deine Leidenschaft" ist derzeit das Patentrezept für ein erfolgreiches und erfülltes Leben. Doch die Leidenschaft findet man nicht einfach so auf der Straße. Und manchmal ist die Suche nach dem einzig wahren Thema nicht von Erfolg gekrönt. Forscher aus Stanford und Yale nennen das ein "Fixed Mindset". Sie empfehlen, stattdessen die Leidenschaft zu entwickeln. Mit einem "Growth-Mindset" kann man Interessen und Leidenschaften aus einem kleinen Funken heraus entwickeln. Man versteht, dass das Leben, Arbeiten und Lernen eine Reise ist. Tägliche Reflektion kann uns helfen, diese Funken wahrzunehmen und dem besseren Rezept zu folgen:
"Entwickle Deine Leidenschaft"

Was von dem was Sie heute gemacht haben, hat Sie begeistert?
Wovon würden Sie leidenschaftlich gerne mehr tun?