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Alles steht Kopf - Wer die Stimmen in meinem Kopf wirklich sind

„Triff die Stimmen in Deinem Kopf“ – das steht als Untertitel auf dem Plakat von Pixars neuem Kinohit. In dem Film sind es die Gefühle Wut, Kummer, Ekel, Angst und Freude, die versuchen, die Heldin Riley durch den Alltag zu „steuern“. Sie sind sich nicht immer einig, aber sobald sie sich zusammengerauft haben, kommt Riley ziemlich gut klar.
Basisemotionen

Gefühle, die in allen Kulturen anzutreffen sind und als wesentlicher Bestandteil des Menschseins gelten. Kulturübergreifend heißt hier, dass Menschen überall auf der Welt unabhängig von ihrer Erziehung oder Sozialisation diese Gefühle verstehen bzw. entschlüsseln können (auch wenn sie mimisch in verschiedenen Kulturen evt. unterschiedlich ausgedrückt werden). Die Basisemotionen sind:


Freude, Angst, Ekel, Wut, Kummer - hier hat sich Pixar an die Big Five gehalten - und Überraschung.

Nicht zu den Basisemotionen gehören Gefühle wie z.B. Stolz, Scham, Liebe, Neid und andere.

War „Diese Präsentation hättest du besser hinbekommen können!“ jetzt Wut oder Scham?
„Ich sollte bei der nächsten Projektbesprechung klarere Verantwortlichkeit verlangen“ – Stolz? Wut?
„Nach all dem Stress habe ich mir eine Tafel Schokolade verdient“ – Zufriedenheit? Frustration?
„Arbeite härter, es ist keine Zeit für Entspannung solange das hier nicht richtig gut geworden ist.“
Wer redet denn da?

Wer die Stimmen wirklich sind - Das Innere Team

Der Psychologe Friedemann Schulz von Thun spricht von einem „Inneren Team“, das in unserem Kopf unterwegs ist. Nur dass die Teammitglieder nicht unseren Grundgefühlen entsprechen, sondern etwas ganz anderes sind: Innere Stimmen, innere Antreiber.

Wenn wir uns einmal die Zeit nehmen und genau hinhören, können wir auf einmal verschiedene Stimmen hören. Jede von ihnen hat einen charakteristischen Satz, einen Slogan, den sie - ob es gerade passt oder nicht - vorbringt (Beispiele siehe Kasten). Um diese Stimme aus all dem anderen Tumult in unserem Kopf herauszuhören, kann es hilfreich sein zu fragen: Wo in meinem Körper spüre ich diese Stimme? Oder: Wie würde ich den Sprecher / die Sprecherin nennen?
Kernsätze und Key-Player
    Hier ein paar Beispiele für Stimmen aus unserem Inneren Team und ihre Lieblingssätze (die männliche Form wird hier anstelle der männlichen oder weiblichen Form verwendet):
  • "Mach schnell!" - der Antreiber
  • "Mach dich mal nützlich!" - der Soziale/Helfer
  • "Das kann nur schief gehen" - der Katastrophenlüstling
  • "Ich brauch auch mal eine Pause" - der Bedürftige
  • "Am liebsten würde ich ihn ins Messer laufen lassen" - der Fiesling/Agressive
Doch woher kommen sie? Ich bin doch nicht schizophren! Die Stimmen kommen nicht aus dem Nichts. Wir haben sie irgendwann im Leben als Stimmen von wirklichen Menschen gehört, von Menschen, mit denen uns eine intensive Beziehung verbindet oder verband. Dabei ist es unerheblich, ob wir diesen Menschen im Guten oder im Schlechten begegnet sind: Ihre Stimmen und Sätze haben in uns ein Echo hinterlassen, das wir irgendwann verinnerlicht haben.

Eltern, Geschwister, enge Freunde oder Kollegen, Lieblingsfeinde, Ehepartner - sie alle haben einen „Eindruck" hinterlassen, haben sich in unser Gedächtnis hineingedrückt mit ihren Glaubenssätzen.

Ich meine es doch nur gut...

Wir alle haben Stimmen in uns, die uns antreiben und die wir gerne hören: „Das schaffst Du", „Das wird schon nicht so schlimm". Und andere Stimmen, die uns vor sich hertrieben in eine von uns nicht gewünschte Richtung, wenn wir sie ließen: „Lass ihn doch mal ins Messer laufen", „Das kann nur schief gehen."

So willkommen die ermutigenden Stimmen sind, so lästig oder gar zerstörerisch können die anderen Stimmen sein. Wir versuchen, die unerwünschten Stimmen zum Schweigen zu bringen oder gar nicht mehr hinzuhören. Schulz von Thun nennt das innere Verbannung. Doch selbst als Verbannte bleiben die Unruhestifter im „Untergrund" tätig und bereiten uns im wahrsten Sinne des Wortes Magenschmerzen.

Dabei hatten die wirklichen Sprecher damals sicherlich etwas Gutes im Sinn. Dieser guten Absicht einer Stimme gilt es nachzuspüren! Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, rufen sich eine der Stimmen mit ihrem Kernsatz in Erinnerung und fragen sich ganz neutral, was der Sprecher oder die Sprecherin eigentlich Gutes für Sie wollte. Wie anders sich die Stimmen dann anhören!
„Sei zielstrebig, damit du erfolgreich bist und glücklich wirst."

„Lass dich nicht unfair und verletzend behandeln."

„Wäge die Risiken ab und begib dich nicht blind in Gefahr."
Schulz von Tun nennt die gute Seite den konstruktiven Wertbeitrag der Stimme. Und ihn gilt es zu würdigen, damit unsere inneren Stimmen als Team zusammenfinden.

Im Film „Alles steht Kopf" setzt eine Wende ein, als die energiegeladene Freude, für die die tranige Kummer immer nur nervig war, entdeckt, wie Kummer das Leben für die Heldin Riley wertvoll macht. Viele der freudigen, goldenen Erinnerungen haben bei näherem Hinsehen einen blauen, kummervollen Schimmer: Sie zeigen einen Augenblick im Leben der Heldin, in dem sich Kummer in Freude verwandelt hat. Kummer erfährt endlich Würdigung, ihr Beitrag wird angenommen und als nun auch Kummer ihren Platz an den Schalthebeln von Rileys Gefühlszentrale findet, kommen die Dinge wieder ins Lot.

Auf unsere Stimmen hören - Versöhnung und Akzeptanz im inneren Team

Im Film herrschte am Ende ein friedliches Miteinander der verschiedenen Gefühle. Wie wir unsere Stimmen zu einem starken und ausgewogenen Team zusammenschweißen, bei dem keiner in den Untergrund verbannt wird, unterscheidet sich gar nicht so stark von dem Teambuilding-Vorgehen, das für Personengruppen angewendet wird (Schulz von Thun, "Miteinander reden: 3"):

Fünf Phasen Innerer Konfliktbearbeitung

1Identifikation der Beteiligten
Welche Stimmen kann ich von einander unterscheiden?
Welchen Namen würde ich ihnen geben?
2Die Stimmen kennenlernen
In jeden „Sprecher" hinter der Stimme hineinversetzen:
Was hat mir jede Stimme zu sagen? Wofür steht sie?
Was fühle ich? Wo fühle ich es in meinem Körper ?
Welche Farbe, welches Aussehen, welche Oberfläche hätte die Stimme?
Stimmt der Name, den ich gewählt habe?
3Auseinandersetzung
Um den Stimmen Raum zu geben, kann man verschiedene Stühle aufstellen. Jeder Stuhl steht für eine Stimme. Nun kann man die Stimmen „aufeinander loslassen", sich aussprechen lassen.
4Versöhnung
Versuch, den Wertbeitrag der Stimmen zu würdigen:
Wozu ist es gut, dass du (ab und zu) da bist?
Welchen Wert hast du für mich als gesamte Person?
5Teambildung
Das „Oberhaupt" dieser Besprechung - eine Art neutrale Beraterstimme - stellt nun die konkrete Frage oder Aufgabe, um die es eigentlich ging. Es entscheidet:
Wer hat den Vorrang und wer muss bei der anstehenden Frage zurückstehen?
Wo können sich die Stimmen gegenseitig ergänzen?
Wer soll sich künftig mehr zurückhalten, wer soll mehr Raum einnehmen?
Die innere Teamaufstellung kann hier nur grob umrissen werden und verläuft in der Realität keineswegs geradlinig entlang der fünf obigen Schritte. Weitere Aspekte können betrachtet werden wie z.B. die Rollen, die man den einzelnen Stimmen zugewiesen hat und die Rollen, in denen sie am besten zur Geltung kämen. Ebenso auch die Gewichtung, die jeder Stimme zugestanden wird, ihre Entwicklung, ihre ganz eigenen Sichten auf die Welt und so weiter.
Aber es ist ein guter erster Schritt hinzuhören, wenn unsere inneren Stimmen erwachen und in ein munteres Streitgespräch eintreten - wollen sie nicht alle unser Bestes?
tl;dr
In jedem normalen Menschen gibt es einen Chor von Stimmen, die an den Schalthebeln seines Handelns sitzt. Diese Stimmen sind nicht - wie in Pixars Blockbuster nahegelegt - die Grundgefühle Freude, Wut, Kummer, Angst und Ekel. Vielmehr sind es Echos von Stimmen wichtiger Beziehungspersonen. Sie sprechen Sätze, die wir verinnerlicht und uns zu eigen gemacht haben. Wenn wir die Stimmen identifizieren und ihren Wert würdigen, können wir unser inneres Team zusammenschmieden und „mit ganzem Herzen" aus unserer Mitte heraus handeln.

Welche Ihrer inneren Stimmen würden Sie gerne zur konstruktiven Mitarbeit einladen?


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Karin Erni